Aktien nicht mehr alternativlos

Illusorisches Inflationsziel der Zentralbanken

Rechnete der Markt im Dezember 2021 noch mit einer Zinsanhebung der EZB von gerade einmal 25 Basispunkten für das Gesamtjahr 2022, sind es Stand heute bereits ganze 125 Basispunkte, also fünfmal so viel. Weitere 75 Basispunkte werden im Oktober erwartet und nochmals 50 im Dezember. 250 statt 25 Basispunkte – auf diesen Zinsanstieg waren nur die allerwenigsten Marktteilnehmer vorbereitet.

Die massiv veränderte Zinslandschaft wirkt sich auch auf die Investments privater Anleger aus: 10-jährige US-Staatsanleihen befinden sich mit einer Rendite von 3,8 % auf dem höchsten Stand seit 2011. Der jahrelange Bewertungsnachteil von Anleihen gegenüber amerikanischen Technologieaktien schmilzt gerade ab.

So ist es auch kein Wunder, dass Staats- und Unternehmensanleihen wieder stärker in den Fokus der Anleger rücken. Immerhin liegen die Renditen 5-jähriger Unternehmensanleihen mit BBB-Rating in den USA und der Eurozone mit rund 6 bzw. 4 % mittlerweile deutlich über den Dividendenrenditen von S&P 500, DAX oder Euro Stoxx 50. Das TINA-Paradigma für Aktien, also `there is no alternative´, gilt nicht mehr uneingeschränkt. Anleger nutzen Zinspapiere mit kurzen Laufzeiten vermehrt als kurzfristige Parkmöglichkeit.

Dennoch bleiben wir bei der Bewertung des Anleihenmarktes vorsichtig, denn der Realzins bei Anleihen ist immer noch negativ – und der Höhepunkt des extremen Zinsanstieges dürfte noch nicht einmal erreicht sein: Die deutschen Erzeugerpreise sind um unfassbare 48,5 % gestiegen, was zu Zweitrundeneffekten bei der Inflationsentwicklung führen wird. Die Inflation wird auch nächstes Jahr über den illusorischen Zielwerten der Zentralbanken liegen. Verstärkt werden die Preissteigerungen durch die starken Verluste von Euro, Pfund und asiatischen Währungen gegenüber dem Dollar.

Vor diesem Hintergrund sollten Anleger bei Aktienanlagen noch vorsichtig positioniert bzw. untergewichtet sein. Regional sind weiter die USA gegenüber Europa vorzuziehen. Aufgrund der bereits erfolgten Kursrückschläge sind Verkäufe jetzt nicht mehr angebracht. Auf mittlere Sicht wird es vor allem mit Aktien möglich sein, den Realwert (nach Inflation) zu erhalten. Der Preis dafür sind teils schmerzhafte Kursschwankungen, die man ertragen können muss. Für die Portfolioaufstellung raten wir außerdem zu Qualitätsanleihen im Investmentgrade Bereich mit mittleren Restlaufzeiten sowie, passend zur defensiven Ausrichtung, zu einer bewusst hohen Liquiditätsquote.

Andrea Greisel

Andrea Greisel

Vorstandsreferentin und Mitarbeiterin im Asset Management der Fürst Fugger Privatbank Aktiengesellschaft. Nach zehnjähriger Tätigkeit im Investment Banking einer bayerischen Großbank trat die Bankkauffrau mit der Zusatzausbildung AIM (Applied Investment Management der DVFA) 2010 in die Bank ein. Neben ihren Aufgaben im Asset Management ist sie mitverantwortlich für die Umsetzung der Digitalisierungsprojekte und Nachhaltigkeitsstrategien der Bank.

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