Der lange und schmerzliche Kampf gegen die Inflation

Monatskommentar Oktober 2022

So sehr wir uns ein wirtschaftlich starkes und bedeutendes Europa wünschen, so deutlich müssen wir feststellen, dass die Musik schon seit längerem auf der anderen Seite des Atlantiks spielt. Teilweise noch in China. Europa hinkt hinterher – und zwar mit erheblichem Abstand, der sich weiter vergrößert.

In den USA hat sich die Notenbank zum Ziel gesetzt, die Inflation mit allen Mitteln zu bekämpfen. Dafür nimmt sie zumindest vorübergehend auch erhebliche wirtschaftliche Einbußen in Kauf. Die Folgen sind bereits in vielen Branchen zu spüren. So liegen die Preise für Rohstoffe wie Weizen, Kupfer, Aluminium oder Öl teilweise bereits deutlich unter dem Niveau vor Kriegsausbruch. Nicht jedoch in Europa, wo der Euro gegenüber dem Dollar stark verloren hat. Dort werden die Effekte später eintreten.

Gleichzeitig bekommen die US-Amerikaner wieder über 4 % Zinsen für kurze sichere Anlagen. Das saugt Geld aus den Investitionen, den Immobilienmärkten und auch aus den Aktienmärkten – aber auch aus den Entwicklungsländern. Wurden Investitionen bislang durch Verschuldung mit billigem Geld gehebelt, hat nun in vielen Finanz- und Wirtschaftsbereichen die große Enthebelung (deleverage) eingesetzt. Damit wird ein klares Ziel verfolgt: Die Überhitzung der Wirtschaft und damit die Inflation sollen eingefangen werden. Bislang noch ohne sichtbaren Erfolg. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der US-Arbeitsmarkt nach wie vor überhitzt ist. Es fehlen die Arbeitskräfte. Wir werden uns daher noch ein paar Monate gedulden müssen, bis die Maßnahmen wirken.

Wenn Europa in einem Punkt schneller ist als die USA, dann ist es die Rezession. Die wird in der Eurozone aller Voraussicht nach früher eintreten als in den USA. Erneut zeigt sich, dass die europäische Wirtschaft weniger robust ist als die amerikanische. Zusätzlich anfällig ist sie durch die schwierigere und damit teurere Energieversorgung. Immer mehr Unternehmen denken mittlerweile ernsthaft darüber nach, Teile ihrer Produktion in die USA zu verlegen. Neben vielen regulatorischen und bürokratischen Aspekten ist allein die Energie-Autarkie der USA ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil. Seine Folgen werden langfristig unübersehbar sein.

Der US-Zins und die US-Inflation bleiben auf Sicht die wesentlichen Einflussfaktoren für die Märkte. Wer jetzt längere, solide Unternehmensanleihen kauft, kann sich attraktive Renditelevels von fast 4 % für die kommenden Jahre sichern. Auf der Aktienseite haben die Anleger alles richtig gemacht, die auf Substanzwerte mit stabilen Geschäftsmodellen und eigener Preissetzungsmacht gesetzt haben. Sie sollten diese behalten. Wenn nämlich die ersten Signale der Entspannung kommen, dürfte es an den Aktienmärkten sehr schnell nach oben gehen. Wer ausreichend Liquidität auf der Seite hat, kann die kommenden Monaten nutzen, um sein Portfolio um weitere günstige Werte zu ergänzen. Einer alten Kaufmannsregel zufolge liegt ja der Gewinn bekanntlich im Einkauf.

Rainer Weyrauch

Leiter der Niederlassung Köln, Mitglied des Dreiermanagementgremiums für die zentrale und unabhängige Vermögensverwaltung der FFPB. Verantwortlich für das Management von Spezialfonds und Vermögensverwaltungen für Pensionskassen, Family Offices, Arbeitgeberverbände, Spendenorganisationen, Stiftungen und Unternehmen. Seit 1985 im Renten- und Aktiengeschäft tätig. Financial Planner und Stiftungsexperte.

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