Der Winter wird ungemütlich

Der kommende Winter wird für Europa und Deutschland problematisch werden – nicht nur, weil es in schlecht beheizten Räumen etwas ungemütlicher werden könnte als gewohnt. Weitaus gravierender: Die Wettbewerbsfähigkeit Europas und Deutschlands wird weiter leiden. Sogar ganze Industriezweige könnten nachhaltigen Schaden nehmen.

Und da liegt der große Unterschied zu den Vereinigten Staaten: Auch in den USA gibt es Probleme mit Arbeitskräften und Inflation, es gibt dazu sogar noch eine starke Währung – und doch ist es dort um die Wettbewerbsfähigkeit besser bestellt. Die amerikanische Wirtschaft scheint über ausgeprägtere Selbstheilungskräfte zu verfügen als die europäische. Anleger sind daher seit Jahren gut damit beraten, einen relativ hohen Anteil in den USA zu investieren. Insbesondere deutsche Aktien darf man derzeit guten Gewissens stark untergewichten.

Die amerikanische Notenbank hat der zwischenzeitlichen Euphorie an den Aktienmärkten den Garaus gemacht. Ihr Ziel ist eine deutliche Konjunkturabkühlung, um die Inflationsraten sinken zu lassen. Erreichen will die Fed dieses Ziel durch weitere deutliche Zinserhöhungen. Die EZB zieht nach, allerdings nur langsam und mit großem Abstand. Die Suche nach den Gründen führt nach Südeuropa, wo die hochverschuldeten Volkswirtschaften empfindlich auf höhere Zinsen reagieren würden.

Die Märkte haben die für 2023 erwarteten Zinssenkungen bereits im Juli antizipiert und zwischenzeitlich schon eine Bärenmarktrally hingelegt. Wer diese genutzt hat, konnte einzelne Gewinne mitnehmen und die Streuung im Depot anpassen. Kaufen konnte man hingegen ausgewählte europäische Ölwerte und Versorger. Die meisten Verkaufserlöse sind aktuell jedoch im Liquiditätsbestand gut aufgehoben. Derzeit ist eine hohe Cash-Quote eine gute Taktik, um in der anhaltenden Unsicherheitsphase sich bietende Einstiegsmöglichkeiten nutzen zu können.

Diese sehen wir nach weiteren Kursrückgängen nämlich durchaus: etwa bei Aktien mit stabilen Geschäftsmodellen, aber auch bei festverzinslichen Wertpapieren von guten Emittenten und mit längeren Laufzeiten. Die Auswahl an attraktiven Renten bleibt allerdings mangels Volumen begrenzt.

Die Märkte werden in den nächsten Wochen so einige Bewegungen bringen und wir gehen davon aus, dass es zuerst schlimmer wird, bevor es besser wird. Es wird jedoch wieder besser. Genau deshalb ist unser Blick schon jetzt auf die Zeit nach dem Winter gerichtet. Durch die jetzigen rezessiven Tendenzen werden sich die Energiepreise und Lieferkettenprobleme wieder normalisieren – umso mehr, wenn neue Transportwege organisiert und in Betrieb sind.

Für Anleger gilt es, für diese Entwicklungen breit aufgestellt und handlungsfähig zu sein. Auch solche Marktphasen bieten Chancen und die sollte man nutzen können.

Rainer Weyrauch

Leiter der Niederlassung Köln, Mitglied des Dreiermanagementgremiums für die zentrale und unabhängige Vermögensverwaltung der FFPB. Verantwortlich für das Management von Spezialfonds und Vermögensverwaltungen für Pensionskassen, Family Offices, Arbeitgeberverbände, Spendenorganisationen, Stiftungen und Unternehmen. Seit 1985 im Renten- und Aktiengeschäft tätig. Financial Planner und Stiftungsexperte.

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