Ruhe bewahren in unsicheren Märkten

Monatskommentar Mai 2022

Zu Anfang des Jahres war noch von Boomwirtschaft und Vollbeschäftigung in den USA die Rede. Dann kam der Krieg in der Ukraine. Nun wird eine Rezession bei hoher Inflation befürchtet (Stagflation). Die Anpassung der Wirtschaftswelt auf die deutlichen Verwerfungen der Lieferketten und Preise wird jedenfalls noch einige Monate in Anspruch nehmen.

Dieser Szenariowechsel beeinflusst auch die Börsen: Aktien von Unternehmen, deren Kurse im letzten Jahr wegen ihrer sehr guten Fundamentaldaten noch auf und davon galoppierten, wurden jetzt regelrecht abgestraft. Dabei lassen sich noch nicht einmal Tendenzen für einzelne Werte oder Branchen erkennen.

Jetzt übereilt zu verkaufen wäre jedoch die falsche Reaktion. Stattdessen gilt es, Ruhe zu bewahren und auf Sicht zu fahren. Auch gängige Anlegerregeln wie „sell in May and go away“ sind in diesem Jahr mit größter Vorsicht zu genießen. Die Börsen haben in den ersten vier Monaten deutlich verloren – der DAX beispielsweise seit Jahresauftakt rund 11 %. Einen triftigen Grund, Gewinne zu sichern, gibt es demnach kaum. Im Gegenteil: In den kommenden Monaten könnten die Märkte eher wieder attraktive Einstiegschancen bieten.

Für die Zentralbanken hingegen ist Abwarten keine Option: Der starke Preisdruck, vor allem durch die steigenden Rohstoffpreise, setzt die EZB und Fed weiter unter Handlungsdruck. Selbst die EZB wird wohl aktiver werden müssen. Die Anleihenkäufe werden eingestellt und die Negativzinsen wohl zumindest reduziert werden. Es wird jedoch eine anspruchsvolle Aufgabe für die Notenbanken, die Inflation einzudämmen ohne dabei eine deutliche Rezession auszulösen.

Die Kurse der festverzinslichen Wertpapiere leiden zwangsläufig. Zumindest sind das die Zinsen von morgen. Selbst die schon gestiegenen Zinsen auf so manche Anleihe bieten jedoch keinen wirklichen Ausgleich für die hohe Inflation.

In den kommenden Monaten kann es noch zu deutlichen Energiepreisschwankungen kommen, die auch in den Unternehmensbilanzen ihre Spuren hinterlassen werden. Bislang zeigen sich die Märkte dennoch widerstandsfähig und das Jahr ist noch lang. Wir sehen bis zum Jahresende durchaus noch Erholungspotenzial. Bei Unternehmen mit einem soliden Geschäftsmodell und guter Leitung können sich zwischendurch auch Einstiegschancen bieten.

Rainer Weyrauch

Leiter der Niederlassung Köln, Mitglied des Dreiermanagementgremiums für die zentrale und unabhängige Vermögensverwaltung der FFPB. Verantwortlich für das Management von Spezialfonds und Vermögensverwaltungen für Pensionskassen, Family Offices, Arbeitgeberverbände, Spendenorganisationen, Stiftungen und Unternehmen. Seit 1985 im Renten- und Aktiengeschäft tätig. Financial Planner und Stiftungsexperte.

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