Warum die Börsen weiter steigen, obwohl die Unsicherheit zunimmt
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Märkte marschieren weiter – und das trotz erstaunlich vieler Stolpersteine. KI-Hardware (z. B. Halbleiter) sorgt für heftige Ausschläge, einige Mega-Caps melden sich eindrucksvoll zurück, solide Unternehmenszahlen sowie zwischenzeitliche Annäherungen zwischen den USA und dem Iran treiben die Indizes auf neue Höhen. Bemerkenswert ist, dass trotz neuer Rekorde wenig Euphorie zu spüren ist.
Dieser Gegensatz prägt auch das aktuelle Marktbild. Die Aktienmärkte steigen trotzdem, denn die Unternehmen liefern bislang. Ihre Gewinne bleiben robust, das Wachstum verbreitert sich und die Investitionen bleiben hoch, vor allem rund um KI und Infrastruktur. Gleichzeitig zeigen viele Unternehmen eine bemerkenswerte Widerstandskraft gegenüber höheren Finanzierungskosten und geopolitischen Risiken. Die konjunkturellen Unsicherheiten haben sich also nicht in den Unternehmenszahlen niedergeschlagen, sodass die Börse schlechte Schlagzeilen schnell abschütteln kann.
Das eigentliche Spannungsfeld bleibt die Geldpolitik: keine böse Überraschung bei der Inflation, aber eben auch keine echte Entwarnung. Aus der Zinssenkungseuphorie vom Jahresbeginn ist wieder erhöhte Alarmbereitschaft geworden. Die Notenbanken müssen den Spagat zwischen hartnäckigem Preisdruck und konjunkturellen Risiken meistern. Die EZB könnte im September weiter straffen und die Zinsen erneut anheben. Die neue Fed-Führung muss erst noch zeigen, wie berechenbar und transparent ihr Kurs künftig sein wird. Die US-Währungshüter wollen sich künftig weniger früh festlegen. Weniger Vorwarnung und mehr Überraschungspotenzial also. In der Regel schätzt die Börse das nicht.
Bei Unternehmensanleihen sind die Renditen zuletzt wieder spürbar gestiegen. Dies ist vor allem auf das höhere allgemeine Zinsniveau zurückzuführen. Die Risikoaufschläge vieler guter Emittenten sind hingegen vergleichsweise eng geblieben. Der Markt verlangt also mehr Zins, bewertet Unternehmensrisiken aber nicht grundsätzlich kritischer. Etwas genauer wird allerdings inzwischen auf das KI-Umfeld geschaut. Die enormen Investitionen in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur schlagen sich bei einzelnen Technologiekonzernen zunehmend auch in der Verschuldung nieder. Auch wenn es noch kein Problem in der Breite ist: Die Frage, wie die riesigen Investitionen finanziert werden, rückt stärker in den Vordergrund.
Zwischen den Welten bewegt sich derzeit der Goldpreis: die Unsicherheit stützt ihn, die unklare Zinsperspektive belastet ihn. Und das sorgt immer wieder für deutliche Schwankungen.
Gerade angesichts von Unsicherheit und Schwankungen an den Märkten ist Aktionismus jetzt fehl am Platz. Stattdessen heißt es, investiert zu bleiben, die Quoten stabil zu halten und weiter auf breite Streuung zu setzen. Wer bei jeder Schlagzeile hektisch umschichtet, der fährt dem Markt am Ende meist nicht voraus, sondern hinterher.
Christoph Mertens
Leiter Niederlassung Köln
Stand: 10. August 2026 –Bitte beachten Sie unsere rechtlichen Hinweise.

