Aktuelle Markteinschätzung

Kommentar

Wir alle erleben aktuell eine ungewöhnlich schwierige und herausfordernde Zeit, sowohl im privaten Umfeld als auch als Anleger. Über allem steht die Gesundheit. Wir wünschen Ihnen und uns, dass wir diese Phase schnell und ohne Probleme hinter uns bringen. Parallel behalten wir für Sie das Geschehen um Corona und die Kapitalmärkte im Auge. Seit Ende Februar bietet sich uns dabei das gleiche Bild: Das Virus breitet sich aus, die Finanzmärkte reagieren mit hohen Schwankungen und die Regierungen beschließen weitreichende Eindämmungsmaßnahmen. Die in zwei Sitzungen der US-Notenbank verkündeten Leitzinssenkungen lassen erkennen, wie sehr das Virus die Wirtschaft beeinflusst.

Die Unsicherheit darüber, ob und wann die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden kann, bleibt hoch. Zentralbanken und Regierungen beginnen zu handeln, doch die Märkte sind nach wie vor verunsichert. Der sich verschlechternde konjunkturelle Ausblick, der jüngste Ausverkauf bei Aktien und die Rallye bei Zinspapieren sind die aktuelle Folge. Tatsächlich könnten wir den Beginn einer Phase sehen, bei dem lange bekannte Störfaktoren wie der Konflikt zwischen den USA und China, Populismus, Technologiesprünge und demografische Entwicklungen gemeinsam mit neuen Überraschungen wie dem Corona-Virus die Nachfrage nach sicheren Anlagen verstärken und dadurch die Zinsstruktur am Markt weiter und weiter nach unten in den negativen Zinsbereich drücken.

Wenden wir uns dem langfristigen Konjunkturausblick zu: Nachdem die globale Wirtschaft einen moderaten Wachstumspfad Anfang des Jahres antrat, ist jetzt durch die Ausweitung des Corona-Virus die wirtschaftliche Entwicklung wieder zurück am Scheideweg. Nach unserer Auffassung ist die Wirtschaft in den kommenden Monaten mit schweren Herausforderungen konfrontiert. Erstens: Der plötzliche Rückgang bei Produktion und Nachfrage in China wird mit einer Verzögerung von nur wenigen Monaten auch Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Zweitens: Die Nachfrage und das Angebot an Dienstleistungen (Reisen, Tourismus, Messen, Unterhaltung und Events, Restaurantbesuche) und Güter wird infolge von Eindämmungsmaßnahmen und des Angst-Faktors sinken.

Vor diesem Hintergrund geht unser Basisszenario, das einen Höhepunkt der Corona-Epidemie außerhalb Chinas in den nächsten Monaten prognostiziert, von einer U-förmigen Kurve für das globale Wachstum für die kommenden Quartale aus. Allerdings mag sich dieses „U“ zunächst wie ein „I“ anfühlen, weil die Konjunktur steil nach unten fährt, dann wie ein „L“, wenn die Wirtschaft einen Boden findet, die künftige Entwicklung aber noch für einige Zeit mit großen Unsicherheiten behaftet ist, und erst dann wie ein „U“, wenn es wieder nach oben geht mit dem BIP-Wachstum, gefördert auch von einer Vielzahl an Nachholeffekten und zusätzlich angeschoben durch die konjunkturstimulierenden Maßnahmen der Regierungen (z.B. der wahlkampfgetriebenen Überlegung der US-Regierung, 1000 Mrd. Dollar als Helikoptergeld an die Haushalte zu verteilen).

Was wichtig zu betonen ist: Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit einer technischen Rezession (zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem Wachstum) in den USA und im Euro-Raum im ersten Halbjahr als sehr hoch ein, gefolgt von einer Erholung im Herbst, wenn sich Produktion und Nachfrage wieder normalisieren. Japan befindet sich sehr wahrscheinlich bereits in einer Rezession. Sofern es keine größeren innerstaatlichen ökonomischen Unwuchten gibt, sollte die Rezession in den entwickelten Volkswirtschaften kurz ausfallen (was immer noch auf der Annahme basiert, dass die Corona-Epidemie innerhalb eines überschaubaren Zeitraums ihren Höhepunkt erreicht).

Angeführt von der Fed, versuchen die Zentralbanken, die Finanzmärkte zu stützen. Sie zielen darauf ab, mit korrelierten Aktionen zu verhindern, dass sich die Refinanzierungsbedingungen weiter verschlechtern. Wir erwarten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Rückkehr zur Nullzinspolitik und einer Wiederaufnahme der Aufkäufe von Vermögenswerten. Viele andere Zentralbanken, einschließlich jener in den Schwellenländern, werden wahrscheinlich ihre Geldpolitik in den kommenden Wochen und Monaten ebenfalls weiter lockern und dabei vor allem darauf achten, dass der Kreditfluss zu den Unternehmen erhalten bleibt. Darüber hinaus erwarten wir, dass die meisten Regierungen weitere steuerliche Erleichterungen einführen werden, um die Nachfrage anzukurbeln und die Wirtschaft zu stützen, sobald die Virus-Epidemie abflaut. Die Börsen können darauf dann sehr schnell und positiv reagieren.

Und dennoch: Trotz einer weiteren globalen Welle der geldpolitischen Lockerung und möglicherweise weiteren fiskalpolitischen Stimuli in der Pipeline glauben wir, dass dies eine Zeit ist, in der wir beim Management der risikoorientierteren Anlagen noch vorsichtig bleiben sollten. Der Fokus liegt gegenwärtig auf Liquidität und Kapitalerhalt – und zwar aus dreierlei Gründen: Die Zentralbanken haben immer weniger Mittel übrig, um gegen einen deutlich stärkeren konjunkturellen Abschwung oder einen starken Kursrückgang bei Risikoanlagen anzukämpfen. Allerdings setzt sich diese Erkenntnis bei vielen Regierungen ebenfalls durch, weswegen sie selbst, anders als in den Krisen der vergangenen 12 Jahre, zu handeln beginnen. Die Schwachstellen und Gefahren im risikoreicheren Teil des Marktes für Unternehmensanleihen sind jetzt in dieser neuen Situation besorgniserregend, da sich das Wachstum verlangsamt und der Cashflow der Unternehmen zurückgeht. Wir haben deshalb Unternehmensanleihen inzwischen untergewichtet – trotz der sich jüngst vergrößernden Spreads, um die Strategien nicht dem Risiko steigender Ausfallraten auszusetzen. Die Globalisierung könnte sogar ins Stocken geraten, da Firmen versuchen werden, die Komplexität ihrer globalen Lieferketten zu reduzieren. Regierungen wiederum könnten Gesundheitsbedenken zum Anlass nehmen, um weitere Barrieren für Handel, Reisen und Migration zu errichten. Auch wenn wir aktuell in unseren Produkten sehr defensiv ausgerichtet sind, bleibt eine Abhängigkeit von der Entwicklung an den Kapitalmärkten gegeben, auch wenn wir es mit zahlreichen Maßnahmen geschafft haben, die Abwärtsbewegung spürbar moderater ausfallen zu lassen als man dies nach dem Kurssturz z.B. des DAX hätte befürchten können.

Im Augenblick kann man zwei Fehler machen: Wer jetzt noch verkauft, wird sich schwer tun, anschließend den tiefsten Punkt der Märkte zu identifizieren, um dort wieder einzusteigen, sondern muss in der anschließenden Erholung eventuell sogar teurer wieder in den Markt zurückkommen. Wer sich umgekehrt zu früh verlocken lässt, angesichts der starken Kurseinbrüche schon jetzt wieder massiv in Aktien zu investieren, könnte zu früh dran sein. Unseres Erachtens ist dies angesichts der anhaltenden negativen Nachrichtenmeldungen und der Unsicherheit infolge der historischen Verkaufswelle der letzten Woche noch nicht an der Zeit, da ein weiterer Rücksetzer der Märkte, zum Beispiel bei einem Shutdown auch in den USA, nicht ausgeschlossen werden kann. Sobald ein solcher Schritt entweder unnötig geworden oder in den Kursen eingepreist ist, werden wir mit einem allmählichen und gezielten Wiederaufbau von Positionen im Aktienbereich beginnen.

Die Bewältigung derartiger Zeiten mit erhöhtem Marktstress ist zwar kurzfristig mit Verlusten verbunden, doch gerade in außergewöhnlichen Zeiten wie diesen offenbaren gut etablierte Anlageprozesse und -strategien ihren Wert, zuerst in der Verlustdämpfung, wie schon erfolgreich vorgenommen, und später, um an der vielleicht sogar rasch kommenden Markterholung eventuell stärker beteiligt zu sein, als im jetzt erlebten Abwärtstrend.

 

Stand: 18. März 2020 – Bitte beachten Sie unsere rechtlichen Hinweise.

Norbert Frey

Norbert Frey

Leiter Fondsmanagement. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften war er bei Banken und Versicherungen tätig und verfügt über eine mehr als 30-jährige Berufserfahrung.

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