Die Spur des Geldes

Kapitalmarkt statt Unternehmensinvestitionen

Muss es uns wirklich wundern, dass die Kurse an den Börsen weiter steigen? Eigentlich nicht. Die unglaublichen Summen Geld, die Staaten und Notenbanken seit geraumer Zeit in den Markt pumpen, müssen ja schließlich irgendwo hin.

Zumal sie offenkundig nicht für klassische Unternehmensinvestitionen genutzt werden. Die Firmenentscheider der Industrie-Branchen üben sich vielmehr in Zurückhaltung. Stattdessen fließt zumindest ein nicht unerheblicher Teil dieser “Wiederaufbaugelder” in den Kapitalmarkt. Zusätzlicher Druck kommt von den Negativzinsen auf Bankeinlagen. Schon ein Teil dieser gigantischen Summen würde ausreichen, um die Vermögenspreise weiter steigen zu lassen.

An den Wohnimmobilienmärkten bietet sich ein ähnliches Bild – der Negativzins macht´s möglich. Die Preise ziehen weiter deutlich an, weil die Kredite fast nichts mehr kosten. Daran scheint auch die Corona-Krise nichts geändert zu haben. Deutlich spürbar ist sie dagegen bei den Gewerbeimmobilien, denn es ist nicht davon auszugehen, dass das Homeoffice nur eine vorübergehende Erscheinung bleibt.

Aber die Welt besteht ja nicht nur aus Covid-19. Einige Themen, die in einer Welt ohne Pandemie, jedes für sich genommen schon deutliche Abschläge an den Märkten auslösen würden, sind immer noch präsent: die Gefahr eines “No Deal” Brexit, der Handelskrieg zwischen China und den USA, die Eskalation im Mittelmeer mit der Türkei – und nicht zuletzt auch der Ausgang der US-Wahlen.

All das wird jedoch durch den weiteren Zufluss von frischem Geld und durch bisher zaudernde Investoren überdeckt – zumindest in den kommenden Monaten. Jeder kleine Rückschlag wird zum Nachkaufen genutzt und selbst die traditionelle Sommerpause ist bisher ausgefallen. Zusätzlich setzt jetzt an den Börsen eine sogenannte „Branchenrotation“ ein. Zyklische Werte holen Teile ihrer bisherigen Verluste auf.

Ein alter Börsianerspruch lautet: “Läuft Butter läuft Käse”. So weit ist es noch nicht. Erst wenn wirklich „Käse läuft“ und die letzten Skeptiker aufgeben, wird es gefährlich. Dann wird es Zeit, Gewinne mitzunehmen. Bis dahin nutzen wir die Chancen, die der Markt bietet, aber stets wachsam und ohne übermütig zu werden. Denn es kann auch schnell drehen – und dann dürfen wir nicht zaudern, zu desinvestieren.

Rainer Weyrauch

Leiter der Niederlassung Köln, Mitglied des Dreiermanagementgremiums für die zentrale und unabhängige Vermögensverwaltung der FFPB. Verantwortlich für das Management von Spezialfonds und Vermögensverwaltungen für Pensionskassen, Family Offices, Arbeitgeberverbände, Spendenorganisationen, Stiftungen und Unternehmen. Seit 1985 im Renten- und Aktiengeschäft tätig. Financial Planner und Stiftungsexperte.

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